Wenn junge Menschen schnell über Dächer laufen oder eine Wand vertikal hochklettern, um mit einem Salto
elegantwieder auf dem gewöhnlichen Straßen-Asphaltboden zu landen, dann handelt es sich um „Parkour“,
„Free Running“ oder „L´Art du Deplacement“ ("die Kunst der Fortbewegung“). Entsprechend der Größe des
Spielraums Stadt sind auch die Spielenden „größer“: Es sind Jugendliche und Erwachsene ("Tranceure"),
die sich ohne Hilfsmittel (Skateboard, Rollschuhe o.ä.) schnell und behende oder auch gezielt performativ
durch den alltäglichen Stadtraum bewegen.
Interaktion mit der Stadt, Performance-Aspekte, Sehen und Gesehen-Werden stehen bei „Free Running“ oder
“L´Art du Deplacement“ im Zentrum: Dabei gibt es auch eine Verwandtschaft zum Breakdance in Hinblick auf
manche der Bewegungsfiguren: die Rolle von Musik, besonders Hip Hop, bei den Wettbewerben, oder auch
das Verständnis als alltägliche urbane Straßenkultur (im Unterschied etwa zu Clubkulturen). Parkour fokussiert
auf den Moment und Ort der Fortbewegung, nicht auf deren Ziel. Dieses neu zu denkende Verhältnis von Mensch
und Raum (wie ein neuer Modulor) ebenso wie zur Schwerkraft bedingt auch eine neue Sicht auf städtische
Räume. Parkour, ähnlich wie andere Jugendkulturen, steht dabei in einer Genealogie von “situationistischen”
Abweichungen im Gebrauch der Stadt, von Aneignung und Umwidmung alltäglicher Orte. So ist Parkour als Praxis
ein spezifisches Bemustern von Zeit und Raum, das einen anderen Rhythmus in der Stadt entwirft: durch Nutzung
der Zwischenräume in Zwischenzeiten, also anderer Zeiten als denen der alltägliche Abläufe. Als immersive, ab-
sichtlich derivierende Interaktionen mit der Stadt stehen solche Bewegungsformen in direkter Relation zur
Analyse und Herausforderung ebenso wie zur Aneignung und Produktion neuer städtischer Räume.
Als eine Praxis, eine Art, sich zur Stadt zu verhalten, macht Parkour das Umfunktionieren, das Umnutzen, zur
Sache von Blitzschnelligkeit und zugleich von Routine: Wo spielen nicht erlaubt ist, wird gesportet, was für die
einen ein Dach ist, ist für Traceure Landezone oder Absprungsfläche, und das geht im Flug oder zumindest im
Sprung. Parkour hinterfragt dabei die Spielregeln der Stadt, unterläuft die Gesetze der Schwerkraft und gestaltet
funktionale Bewegungsräume der Stadt zu Trainings- und Spielräumen um. Was der Architekturtheoretiker und
Urbanist Iain Borden über Skateboarding schreibt, lässt sich auch für Parkour denken; geht es denn auch um
“use values rather than exchange values, activitiy rather than passivity, performing rather than recording,
potential components of the future, as yet unknown city”.
Projektpartner
Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich / Public Art Lower Austria, Land Niederösterreich,
Austrian Freestyle Foundation St.Pölten, Festspielhaus St. Pölten, Landesmuseum St. Pölten
Studies, Research and Architecture
Gabu Heindl, Mitarbeit: Rüdiger Suppin