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Intersektionales Stadthaus
Kooperative Planung und kollektiver Umbau eines
dreigeschoßigen Hofhauses in Wien Ottakring
gemeinsam mit dem Verein für die Barrierefreiheit
in der Kunst, im Alltag, im Denken
Wien 2016


Selbstorganisation
Der Verein für die Barrierefreiheit in der Kunst, im Alltag, im Denken besteht
aus Menschen, die Treppen nutzen, anderen, die den Lift nehmen; aus Menschen
unterschiedlichen Alters von 6 bis 60 Jahren, mit unterschiedlichen Geschlechter-
identitäten und Sprachkenntnissen sowie unterschiedlichen Arten legalisierten
Aufenthalts. Einige der Mitglieder sind als antirassistische, queere oder
künstlerische AktivistInnen tätig oder arbeiten in Vereinen für Antidiskriminierung,
Genderfragen und Gewaltprävention. Sie haben sich über Jahre hinweg mit emanzi-
patorischen Projekten auseinandergesetzt und selbst in unterschiedlichen Wohn-
gemeinschaften gelebt. Ihr gemeinsames Ziel war es, eine zur hegemonialen Klein-
familienwohnung alternative Wohnform zu entwickeln. Nach längerer Suche war ein
teils ungenutztes Hofhaus in der Grundsteingasse gefunden, um eine Art "Einküchenhaus"
zu konzipieren. In gemeinsamen Planungsworkshops, an denen alle Vereinsmitglieder
teilnahmen, wurde die Aufteilung des Hauses in großzügige Gemeinschaftsräume
(gerade auch in den Erschließungsflächen) und in diverse unterschiedlich kleine
Privaträume im Konsensprinzip entwickelt. Das Haus sollte dann dementsprechend
großteils im Selbstbau umgestaltet werden, während die baulichen Maßnahmen für
die Barrierefreiheit von Bau- und Liftfirma übernommen wurden. Dieser Ansatz
des Selbstbauens geht zum Teil auf die Wiener Siedlerbewegung in den 1920er
Jahren zurück.

Übersetzung
Mithilfe von ÜbersetzerInnen haben wir als Architektinnen in allen Sprachen der
Anwesenden durch die gemeinsamen Architektur-Workshops geführt. Dabei ging es in
den Übersetzungen nicht nur um die Wörter der einzelnen Sprachen, sondern auch
um Verständnis und Hinterfragung von Lebens- und Wohnkonzepten. Was versteht
man überhaupt unter einem intimen Raum? Wie groß muss er sein?
Wie groß soll die Küche sein oder das Wohnzimmer? Übersetzung im doppelten Sinn.

Solidarische Ökonomie
Weil er Barrierefreiheit nicht nur im Namen trägt, nimmt der Verein das Konzept
der Barrierefreiheit in mehrfacher Hinsicht ernst. Obwohl wenig Geld vorhanden
ist, leistet sich der Verein durchgängig bauliche Barrierefreiheit, wird ein
Home-Lift über alle Geschoße eingebaut. Alle Mitglieder, auch die Rollstuhl-
nutzerInnen, und BesucherInnen sollen in alle Geschoße gelangen können. Das ist
gerade wenn mensch kein Geld hat, sehr teuer, aber nachhaltig. Hingegen sind
die Fliesen im Badezimmer Second Hand und vieles mehr gekauft oder geschenkt.
Nicht zuletzt verfolgt die Gruppe auch bei der Finanzierung der monatlichen
Kosten (Miete plus Rückzahlung der Kredite) das Prinzip aktiver Umverteilung:
unabhängig davon, wer welchen Privatraum in welcher Größe und Lage bezieht,
trägt jede/r soviel zu den monatlichen Kosten bei, wie er/sie geben kann.

Standards
Ein Lift über drei Geschoße innerhalb einer einzigen übergroßen Wohnung wäre
im Wiener Wohnbau nicht realisierbar. Dafür wurden andere Standards legerer
gehandhabt, ganz im Sinn der langjährigen Forderung der ArchitektInnenschaft,
überzogene Standards zu hinterfragen und stattdessen zu definieren, was als
emanzipierende Standards, gestalterische Standards oder Standards im Sinn des
Schutzes von Menschenleben wichtig ist. Während für das Haus in der Grundstein-
gasse sicher keine Tiefgarage nötig ist – niemand besitzt ein Privatauto –,
investiert der Verein in seinem Selbstverständnis zur durchgängigen Barrierefreiheit.
Als selbstauferlegter Standard definiert das eine klare Prioritätensetzung:
Jeder Mensch soll freien Zugang zu jedem Raum im Haus haben und sich diese
Barrierefreiheit auch leisten können. Zugleich geht es dem Verein auch darum,
Chancengleichheit zu leben und fördern: Barrierefreiheit im doppelten Sinn.

Intersektionalität
Das Haus in der Grundsteingasse ist auch ein intersektionales Stadthaus in
doppeltem Sinn. Zum einen als Schnitt durch das Gebäude gedacht: Über alle
drei Geschoße mitsamt der Stiegenhäuser gibt es eine zentrale Küche,
keine einzelnen Wohnungseinheiten, sondern entweder großzügige kollektiv
genützte Räume oder kleine private Rückzugsräume. Die zweite, weniger
räumliche Bedeutung von "intersektional" betrifft die Mitglieder, die aus
teils queerem, teils migrantischem Umfeld kommen, die alle keine besonders
wohlhabenden Menschen sind – aber jedenfalls solidarisch sozialisiert.





Intersectional City House
conversion of a Gründerzeithaus for collective dwelling
Association for the removal of barriers in art,
in everyday life and in our heads

The Intersectional City House is a cooperational project deals with alternative
aspects of living, such as selforganisation, intercultural communication,
solidary economics and standards of accessibility.

English description: work in progress



Architekturprozess / Architectural process
GABU Heindl Architektur
Workshops: Gabu Heindl und Lisi Zeininger

Planung / Planning period
2015 - 2016

Bauzeit / Construction period
2015 - 2016

AuftraggeberIn / Client
Verein für die Barrierefreiheit in der Kunst, im Alltag, im Denken
Association for the remove of barriers in arts, in everyday life, in thinking

content: (c) GABU Heindl Architektur 2016